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ERNST VON BANDEL (1800 - 1876): HERMANNSDENKMAL (1819 - 75) 

Stein, Höhe: 24,8 m, Unterbau: 30 m
Teutoburger Wald bei Detmold, Grotenburg

 



 

Wesentliche Stationen der geschichtlichen wie auch der kunstgeschichtlichen Entwicklung des 19. Jahrhunderts hat der Bau des Hermannsdenkmals auf der Grotenburg im Teutoburger Wald bei Detmold begleitet. Es ist das Lebenswerk des aus Ansbach stammenden Bildhauers Ernst von Bandel (1800-1876). Seine aus jugendlicher, romantisch-vaterländischer Gesinnung schon 1819 gefasste Idee, Armin dem Cherusker ein Denkmal zu setzen, nahm 1835 festere Formen an. Arminius, später verdeutscht zu Hermann, hatte im Jahre 9 n. Chr. den römischen Feldherrn Varus und seine Legionen im Teutoburger Wald geschlagen und galt als erster deutscher Nationalheld; „unzweifelhaft der Befreier Germaniens" wird er von dem römischen Schriftsteller Tacitus genannt.

 

Der legendäre Cheruskerfürst geriet nach 1815 als Symbol nationaler Identität in Mode. Bekannt ist das Drama "Die Hermannsschlacht" von Heinrich von Kleist, dessen politischer Kontext derselbe ist. Nach den Befreiungskriegen 1813 / 14 stärkte sich das von Napoleon empfindlich gestörte Selbstbewusstsein der Deutschen.

 

Mit Unterstützung des „Vereins zur Errichtung des Hermannsdenkmals" und Spenden aus allen Teilen Deutschlands, besonders auch aus Österreich, erbaute Bandel zunächst 1838-1846 den zehneckigen, gotisierenden Sockel, für den man stilistisch als Vorbild das Grab Theoderichs in Ravenna zu erkennen geglaubt hat. Trotz grundsätzlicher Gegnerschaft zum „Undeutschen Klassizismus" (z. B. an der Walhalla, an der Bandel aber mitgearbeitet hat) und Vorliebe für die Gotik, von der der anfängliche Entwurf mehr zeigt als die Ausführung, ließ Bandel sich vom bayerischen König zur Umformung des Felsbrockens, auf dem Arminius-Hermann stehen sollte, in eine Kuppel umstimmen. Nach langer, finanziell erzwungener, aber auch politisch begründeter Arbeitsruhe konnte Bandel endlich 1874 / 75 seine aus getriebenen und vernieteten Kupferplatten eigenhändig in seinem Atelier in Hannover gearbeitete Arminius-Figur auf den Sockel stellen.

 

Was 37 Jahre vorher als Mahnmal zur nationalen Einheit begonnen worden war, wurde am 16. August 1875 im neuen Kaiserreich in Gegenwart des Kaisers und des Kronprinzen feierlich als Denkmal inzwischen erfüllter Sehnsüchte und des Sieges über Frankreich im Kriege von 1870 / 71 eingeweiht. An der Baugeschichte lässt sich belegen, dass das Hermannsdenkmal keine einheitliche, schon gar nicht eine von Staats wegen verordnete Ideologie repräsentiert. Zu gleicher Zeit wurde es als Aufforderung, das Fremde zu achten, und als Zeichen chauvinistischen Fremdenhasses in Anspruch genommen. Dass es außerdem und vor allem als Aufruf zur nationalen Einheit verstanden wurde, das steht außer Frage. Doch auch diese programmatische Aussage bildet in der Geschichte des Hermannsdenkmals keine Konstante. Denn das Vorhaben, ein Denkmal auf die Einheit der Nation zu errichten, war abhängig von der jeweiligen, die Nationalidee zurücknehmenden oder fördernden politischen Situation. Als der Versuch der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 gescheitert war, die deutschen Kleinstaaten in einem Bundesstaat zu einen, ruhten die Arbeiten am Denkmal für mehr als ein Jahrzehnt. Erst im Zuge der Bismarckschen Einigungsbestrebungen wurde der Denkmalsbau in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts energisch fortgeführt. Ganz sicher stand, wie die Geldspenden aus Österreich und auch die aktive Anteilnahme Ludwigs I. von Bayern zeigen, das preußisch-kleindeutsche Reich Bismarcks anfangs keineswegs als innerer Zielpunkt den Deutschen bei diesem Denkmalbau vor Augen. Der fertiggestellte Hermann wird politisch noch deutlicher: Er reckt sein Schwert gen Westen; es trägt die vom neuen nationalen Selbstbewusstsein der Kaiserzeit inspirierte, in Form und Gehalt nicht unproblematische Inschrift: „Deutsche Einigkeit meine Stärke, meine Stärke Deutschlands Macht".

(Kammerlohr - Epochen der Kunst, Bd. 4: 19. Jahrhundert. Oldenbourg, München und Wien 1994, S. 146f.)

   


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