ALLEGORIE




DIE TEMPERAMENTE

 

Die Unterscheidung von vier menschlichen Grundtypen ist schon bei antiken Schriftstellern angelegt. Medizinisches, philosophisches und astrologisches Gedankengut vermischt sich in ihrer Überlieferung und Sinnwandlung bis in die Neuzeit. Die Temperamente wurden ursprünglich von den Säften (humores) des Körpers abgeleitet (hypokratische Lehre).

  • Der sanguinischen Veranlagung entspricht das Blut,

  • der phlegmatischen der Schleim,

  • der cholerischen die gelbe

  • und der der melancholischen die schwarze Galle.

 

Außerdem wurden die Temperamente den Planeten zugeordnet:

 

  • das sanguinische dem feuchten und warmen Jupiter,

  • das phlegmatische der feucht-kalten Venus,

  • das cholerische dem heißen, trockenen Mars

  • und das melancholische dem Saturn.

 

Dem klassischen Altertum galt das sanguinische Temperament als das normale, die übrigen drei als krankhafte Abweichungen. Aber schon einige Schriftsteller der Spätantike fanden zu einer wertfreien Auffassung, die jedem der vier Temperamente, je nach der "Temperatur" der Säfte und je nach den konkreten Voraussetzungen des Einzelmenschen, positive oder negative  Wirkungen zuschrieb.

 

Zyklische Darstellungen der vier Temperamente lassen sich zwischen dem späteren Mittelalter und dem Rokoko immer wieder nachweisen. Am häufigsten in astrologischen Handschriften des Mittelalters, wo nicht Allegorien, sondern Beispiele in genrehaften Szenen vorgeführt werden, zum Beispiel musizierende Phlegmatiker, Liebespaare als Sanguiniker, ein cholerisches Ehepaar, das sich prügelt. Die Beziehung einzelner Temperamente auf Apostel wird vielfach auch für Albrecht Dürers "Vier Apostel" vermutet:

  • Johannes: Sanguiniker

  • Petrus: Phlegmatiker

  • Markus: Choleriker

  • Paulus: Melancholiker

 

Ikonologische Handbücher der Barockzeit schlugen vor, die Komplexion im Bild eines mageren, leidenschaftlich bewegten, bewaffneten nackten Mannes zu verkörpern, der sein Schild wegwirft; sein Begleiter ist ein Löwe.

Der Sanguiniker ist jung, beleibt, heiter, mit Blumen bekränzt; er musiziert auf der Laute; ein Ziegenbock (das Bacchus-Tier) oder ein Affe begleitet ihn.

Der Phlegmatiker, in den Pelz eines Winterschläfers gehüllt, sitzt untätig, neben ihm eine Schildkröte, ein Frosch oder ein Fisch (Beziehung zum Wasser).

 

Neu belebt wurde das Interesse an den Temperamenten durch die physiognomische Wissenschaft des 18.Jh. So wählte J.K.Lavater als Frontispiz des IV.Teils der "Physiognomischen Fragmente" (1778) eine Komposition von D.Chodowiecki, die die Reaktionen von vier Vertretern der vier Temperamente vor einem seiner Gemälde zeigt.

 

Unter den vier Temperamenten nimmt die Melancholie, im Hinblick auf Anzahl und geistige Komplexität der Bilddarstellungen, einen Sonderplatz ein. Schon Aristoteles meinte, daß diese Komplexion, je nach Mischungsverhältnis und Temperatur der "schwarzen Galle", sowohl zu genialen Leistungen wie auch zu depressiver Tatenlosigkeit führen könne.

 

Das Mittelalter achtete sie besonders hoch, weil sie die fromme Kontemplation begünstige. Ihr Doppelwert wurde, wie die polare Wertung des dazugehörigen Planeten Saturn, besonders im Neuplatonismus der italienischen Frührenaissance herausgearbeitet.

 

Bis in das 18.Jh. wirkte der Gedanke nach, die Melancholie sei dem Denkenden eine Wohltat, deren unheilvolle Kehrseite durch Medikamente, Musik, astrologisch-magische Vorkehrungen im Zeichen des Jupiter bekämpft werden könne.

 

Die Bilddarstellungen seit dem Mittelalter gehen in Haltung und Stimmung stets von dem Aspekt der Passivität und des Trübsinns aus. Der Melancholiker (oder die weibliche Personifikation) sitzt (viel seltener liegt) und stützt den Kopf auf die Hand. Zu den Attributen gehören: Flügel, ein Buch, die Instrumente des Astronomen oder des Geometers, Musikinstrumente, eine Geldbörse, ein verdorrter Baum, Todessymbole, ein Säulenstumpf. Der Melancholie kann der Mund durch ein Knebelband verschlossen sein; es begleiten sie ein oder mehrere Kinder, ein Hund, Schweine oder Schwan, Fledermäuse ... Die klassische Darstellung hat Dürer mit seinem oft allegorisch gedeuteten Meisterstich "Melancholia I" (1514( gegeben, der in unübertroffener Weise die Brücke schlägt zwischen den Ausdrucksbereichen passiver, ohnmächtiger Trauer und intensiver Denk- und Schöpferkraft. Damit gelangte die Abbildung der Melancholie in den Bannkreis der Renaissancevorstellungen von der Polarität der "vita activa" und der "vita contemplativa". In ihrer Zwiespältigkeit wirkt sie als oft verschlüsseltes Motiv bis in die Kunst unseres Zeitalters weiter. Im 19.Jh. war es vor allem der Romantiker C.D.Friedrich, der in seinen Landschaften diese Bildtradition weiterführte. Für die Klassische Moderne soll der Name Beckmann stellvertretend genannt werden.

 

Oft geht der Vorstellungskreis der Melancholie ganz in die Genie- und Künstlerdarstellung über, die sich besonders im späten 18. und 19.Jh. verbreitete: von Francesco Goyas "Traum der Vernunft" ("Caprichos", Blatt 43, erschienen 1799) bis zu Max Klingers "Beethoven"-Zyklus. Im Geniekult fungiert das Melancholische als Widerpart des Heroischen. Die passive Seite der Melancholie herrscht vor in der Figur des schwermütigen Helden, wie ihn etwa J.H.Füßli und W.Blake prägten, ebenso in Wahnsinnigendarstellungen.

 


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