SYMBOLIK

Pflanzen

     

Als unterste und damit zugleich grundlegende Stufe der organischen Welt Symbol für die Einheit alles Lebendigen; in den mythologischen Erzählungen der Völker findet man mehrere Beispiele von vollständigen oder teilweisen Verwandlungen von Pflanzen in Menschen und Tiere oder umgekehrt. Der ständige Wechsel der Pflanze zwischen Wachstum, Blüte, Reife und Tod, zwischen Saat und Ernte, macht das Pflanzenreich insgesamt zum Sinnbild zyklischer Erneuerung. Pflanzen in fruchtbarer Fülle sind häufig der Inbegriff der "Mutter Erde".

Blumen und Blüten sind ein Sinnbild des krönenden Abschlusses, des Wesentlichen und ein Symbol vor allem der weiblichen Schönheit. Das empfangende Verhältnis zur Sonne und zum Regen macht die Blume auch zu einem Sinnbild der passiven Hingabe und der Demut.; wegen der meist radialen Anordnung ihrer Blütenblätter kann sie andererseits aber auch als Zeichen für die Sonne begegnen. Da sie rasch verblüht, ist sie vielfach ein Symbol der Unbeständigkeit und Vergänglichkeit. Gelegentlich werden Blumen, ebenso wie die sie besuchenden Schmetterlinge, symbolisch in Zusammenhang mit den Seelen Verstorbener gebracht.

Nach Farben unterschieden, stehen gelbe Blumen in symbolischem Zusammenhang mit der Sonne, weiße mit Tod oder Unschuld, rote mit dem Blut und blaue mit Traum und Geheimnis. Goldene Blumen begegnen verschiedentlich, z.B. im Taoismus, als Symbole höchsten geistigen Lebens. In Japan entwickelte sich die Kunst des Blumensteckens (Ikebana) zu einer symbolischen Ausdruckskunst, die verschiedene Ausprägung in unterschiedlichen Schulen fand; als Grundpositionen begegnen häufig: Himmel (oben), Mensch (Mittelpunkt), Erde (unten).

Der Baum, eines der bedeutungsreichsten und weitestverbreiteten Symbole, wurde als machtvolle Repräsentation des Pflanzenreichs oft kultisch als Sinnbild göttlicher Wesenheiten oder Aufenthaltsort numinoser Mächte verehrt. Der Laubbaum mit seinem jährlich sich erneuernden Blattkleid ist vor allem ein Symbol der den Tod stets aufs neue besiegenden Wiedergeburt des Lebens, der immergrüne Nadelbaum ein Sinnbild der Unsterblichkeit. Die Gestalt des Baumes mit seinen der Erde verhafteten Wurzeln, seinem kräftigen, senkrecht aufsteigenden Stamm und der oft scheinbar dem Himmel zustrebenden Krone ließen ihn häufig zu einem Symbol für die Verbindung der kosmischen Bereiche des Unterirdisch-Chthonischen, des Lebens auf der Erde u. des Himmels werden.

Diese Aspekte spielen auch bei der Vorstellung vom Weltenbaum eine Rolle, der entweder als Träger der Welt oder - häufiger - als Verkörperung der Weltachse gesehen wurde (z. B. in der nordischen Mythologie die immergrüne Weltesche Yggdrasil); Blätter und Zweige solcher Weltenbäume sind häufig bewohnt von mythologischen Tieren, von den Seelen der Verstorbenen oder Ungeborenen (oft in Gestalt von Vögeln) oder auch von den auf- und absteigenden Gestirnen Sonne und Mond; wahrscheinlich mit symbolischem Bezug auf den  Tierkreis begegnen auch in manchen mythischen Vorstellungen, z. B. in Indien und China, zwölf Sonnenvögel, die das Gezweig des Weltenbaumes bewohnen; Vögel, die in der Krone des Weltenbaumes leben, können außerdem Symbole für höhere geistige Seins- und Entwicklungsstufen sein.

Weit verbreitet sind anthropomorphe Deutungen des Baumes (der aufrecht steht wie der Mensch und wie dieser wächst und vergeht), so erscheint er z. B. bei verschiedenen Volksstämmen, etwa in Zentralasien, Japan, Korea, Australien als mythischer Ahne der Menschen. Eine weitere sinnbildliche Identifikation des Baumes mit dem Menschen ist die in mehreren Gebieten Indiens verbreitete, auf Stärkung der Fruchtbarkeit abzielende Sitte, die Braut vor der Hochzeit mit einem Baum zu vermählen; auch symbolische Hochzeiten zwischen zwei Bäumen, deren Lebenskraft auf ein bestimmtes Menschenpaar übergehen soll, gehören in diesen Zusammenhang. Der fruchttragende, Schatten u. Schutz gewährende Baum wird bei vielen Völkern als weibliches bzw. mütterliches Symbol verstanden, der aufrechte Stamm allerdings ist in der Regel ein Phallus-Symbol.

Verbreitet ist auch die Verbindung des Baumes mit dem Feuer, was wahrscheinlich mit der dem Baum zugeschriebenen Lebenskraft zusammenhängt: das Feuer gilt als in dem Holz bestimmter Bäume verborgen, woraus es durch Reibung hervorgeholt werden muß.

Die indische Tradition kennt die Vorstellung von einem umgekehrt gewachsenen Baum, dessen Wurzeln im Himmel verankert und dessen Zweige unter der Erde ausgebreitet sind, möglicherweise u. a. ein Symbol für die lebensspendende Kraft der Sonne im physischen und des spirituellen Lichts im geistigen Bereich. Die Bhagavad Gita deutet den umgekehrten Baum auch als Symbol für die Entfaltung alles Seienden aus einem Urgrund: die Wurzeln repräsentieren das Prinzip aller Erscheinungen, die Zweige die konkrete und detailreiche Verwirklichung dieses Prinzips. Der umgekehrte Baum taucht auch noch in anderen Zusammenhängen auf, so in der Kabbala als Lebensbaum oder im Islam als Baum des Glücks.

In der Bibel erscheint der Baum vor allem in der doppelten Gestalt als B. des Lebens und als Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Der Baum des Lebens symbolisiert die uranfängliche Paradiesesfülle und ist zugleich ein Symbol für die erhoffte Erfüllung der Endzeit; der Baum der Erkenntnis symbolisiert mit seinen verlockenden Früchten den Reiz, den göttlichen Geboten zuwiderzuhandeln. Die christliche Kunst und Literatur stellen häufig eine enge symbolische Beziehung zwischen den Paradies-Bäumen und dem Kreuz Christi her, der "uns das Paradies zurückgegeben hat" ('Baumkreuz) und der der "wahre Lebensbaum" ist.

Die Psychoanalyse sieht im Baum ein wichtiges Symbol, das oft in sinnbildlichem Bezug zur Mutter, zur seelisch-geistigen Entfaltung oder auch zu Absterben und Neugeburt gedeutet wird. Gewisse psychologische Testverfahren suchen Zeichnungen von Bäumen als symbolische Ausdrucksschemata der Gesamtpersönlichkeit auszuwerten.

Die Frucht ist Symbol der Reife, der abgeschlossenen Entwicklung. Mehrere und verschiedene Früchte symbolisieren häufig Fülle, Fruchtbarkeit und Wohlstand.

Die verbotene Frucht des Paradieses - in der Bibel nicht genau beschrieben - ist je nach der Landschaft der jeweiligen Kunstdarstellung ein Apfel, Trauben, Kirschen usw.; sie symbolisiert die Verlockung zur Sünde.

  


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