VANITAS
Das Vanitas-Stilleben
Jacob
Marrell: Vanitas-Stillleben (1637)
Das
lateinische Wort Vanitas bedeutet "Eitelkeit". "Eitel"
wiederum war gleichzusetzen mit "wertlos" und "vergänglich".
Ein Vanitas-Stillleben verweist demnach darauf, dass die Schätze dieser Welt
vor dem Hintergrund der Vergänglichkeit alles irdischen nichts nutzen. Es will
dazu auffordern, sich nicht an Diesseitiges zu klammern, sondern das ewige Leben
zu bedenken. Vanitas-Stillleben können in unterschiedlichster Form auftreten.
So malte der Niederländer Abraham van Beyeren u. a. großartige
Prunkstillleben, in denen der ganze Reichtum des damaligen Holland sichtbar
wird. Voller Symbole steckt dagegen das "Vanitas-Stilleben mit Blumenstrauß,
Geige und Totenschädel" von Jacob Marrell, dessen nähere Bedeutung
Karl-Ludwig Hofmann beschreibt.
Jacob
Marrell: Vanitas-Stilleben (Blumenstrauß, Geige und Totenkopf), 1637. Öl auf
Leinwand. 93 x 80 cm. Staatliche Kunsthalle, Karlsruhe.
[...]
Es ist kein Zufall, dass die Vanitas-Stilleben gerade in Leiden aufkommen. Die
theologische Fakultät in Leiden damals
die führende Universität Hollands war die Hochburg eines kompromisslosen
strengen Calvinismus, von dessen Anhängern gefordert wurde, allem Weltlichen
zutiefst zu misstrauen, ein streng moralisches Leben zu führen und alle Vergnügungen
zu meiden. Vanitas-Stilleben fanden aber auch außerhalb Hollands große
Verbreitung.
In
einer abgestuften rundbogigen Mauernische versammelt Marrell unterschiedliche
Vanitas-Symbole: zunächst fällt die große gläserne Vase auf, in der ein
Blumenstrauß steht. Auf ihr spiegeln sich außer der an die Nische gelehnten
Geige, dem Notenbuch und der Tabakspfeife, der Künstler vor seiner Staffelei,
eine Frau, die auf ihn zukommt und sein Atelierfenster. [ ... ] Die unaufhaltsam
welkenden Blumen, der Totenkopf, die langsam verglimmende Lunte und die nagende
Maus verweisen auf die verrinnende Lebenszeit des Menschen. Gelehrsamkeit, darauf wird mit den pergamentgebundenen Büchern verwiesen und literarischer Ruhm, symbolisiert durch die Schreibfeder im
Tintenfass, dürfen über die Vergänglichkeit nicht hinwegtäuschen. Vergnügen
lenken nur ab und verleiten die Menschen dazu, ihre Zeit zu vergeuden: Dafür
stehen die Geige und das Notenbuch, in dem aus einem Liedertext zu entziffern
ist: "Hat er kein gelt im Seckel mehr..." und "Wie schön blüht
uns der mey, Schön Jungfräuwlein...". Die Fragwürdigkeit weltlicher
Macht wird in den römischen Münzen und der Medaille verdeutlicht, die ganz in
den Vordergrund gerückt sind. Verweisen die römischen Kaisermünzen warnend
auf den Untergang des einst so mächtigen Römischen Reiches, so steckt in der
Medaille eine damals ganz aktuelle Anspielung: Sie wurde 1585 zur Hochzeit des
Grafen Friedrichs 1. von Württemberg mit Prinzessin Sibylla von Anhalt geprägt.
1637, als Marrells Bild entstand, musste der Enkel des Grafen, aus seiner
Herrschaft vertrieben, außer Landes sterben, ihm nutzten Reichtum und Ruhm des
Großvaters nicht mehr.
Der
Vanitas-Gedanke wird auch verkörpert in den beiden Puttenskulpturen, die am
Ansatz des Nischenbogens angebracht sind. Beiden ist ein Totenkopf beigegeben,
der linke hält eine Sanduhr als Zeichen für die verfließende Zeit, der rechte
bläst Seifenblasen in den Raum als Zeichen für die Flüchtigkeit und
Zerbrechlichkeit des irdischen Lebens.
Marrell
verbindet die Vanitas-Symbole mit dem Thema der fünf Sinne, wie es häufig auch
in den Leidener Vanitas-Stilleben vorkommt. Die Blumen zum Beispiel erinnern an
das Sehen und Riechen, der Tabak an das Riechen und Schmecken, für das auch die
Zitrone steht. Das Auge und den Tastsinn sprechen die Goldmünzen an, die Musik
Geige und Notenbuch das Ohr. Im
Rahmen der Vanitas-Stilleben bedeuten diese Allegorien, dass alles, was die
menschlichen Sinne aufnehmen, angesichts der Vergänglichkeit hinfällig ist.
Karl-Ludwig
Hofmann