I QUATTRO LIBRI DELL'ARCHITETTURA

Widmung

 

EINEM HOCHVEREHRTEN, hochzuachtenden Herrn, dem Grafen Giacomo Angaranno.

Die großen Verdienste Eurer unendlichen Güte, mein großmütiger Herr, haben durch die vielen einzigartigen Wohltaten, die Ihr mir schon seit vielen, vielen Jahren mit fortwährender Freigebigkeit zukommen laßt, derart an Zahl und Größe zugenommen, daß, wenn ich mich dafür nicht dankbar zeigte - zumindest dadurch, daß ich mich dessen stets erinnere -, ich sicher bin, Gefahr zu laufen, von allen für unhöflich und undankbar gehalten zu werden. Seit meiner Jugend habe ich mich mit größtem Gefallen der Architektur gewidmet, wobei ich nicht nur in mühevollem, jahrelangem Studium die Bücher jener Autoren gelesen habe, die mit großer Begabung diese edle Wissenschaft um vortreffliche Lehrsätze bereichert haben, sondern mich auch wiederholt nach Rom, in andere Teile Italiens und außer Landes begeben habe, wo ich mit eigenen Augen und mit eigenen Händen die Reste vieler antiker Bauten gesehen und vermessen habe. Diese Bauten, die bis in unsere Zeit stehengeblieben sind und zugleich einen eindrucksvollen Beleg der Roheit barbarischer Völker vorstellen, sind selbst in ihren großen Ruinen unzweifelhafte und berühmte Zeugen der römischen Tugend und Größe.

Als ich die Eigenschaften dieser römischen Tugend näher betrachtete, wurde ich aufs äußerste erregt und in Begeisterung versetzt. Und da ich mit großer Hoffnung all meine Gedanken auf sie verwandt hatte, nahm ich mir vor, die notwendigen Ratschläge niederzulegen, die von allen begabten und verständigen Menschen beachtet werden müssen, die bestrebt sind, gut und anmutig zu bauen. Darüber hinaus wollte ich durch zeichnerische Wiedergabe zahlreiche Bauten vorführen, die von mir an verschiedenen Orten errichtet worden sind, und zugleich all jene antiken Gebäude, die ich bisher gesehen habe.

Nicht etwa um auch nur einen Teil meiner unendlichen Schuld zu begleichen, sondern um Eurer Großzügigkeit, für die Ihr mehr als jeder andere geliebt, gepriesen und jeder höchsten Ehre für würdig befunden werdet und mit der Ihr mich habt gewähren lassen, durch ein ehrenwertes Zeugnis meiner Mühen ein Zeichen meiner Dankbarkeit zu geben, und um zu zeigen, daß ich Eurer Großmut stets eingedenk bin, mache ich Euch diese beiden ersten Bücher zum Geschenk, in denen ich von den Privathäusern handle. Bei deren Errichtung war ich, was ich gestehe, vom Schicksal so begünstigt, daß ich sie, nach großen Sorgen und nach der Überwindung einiger nicht geringer Schwierigkeiten, endlich zu größtmöglicher Vollendung habe bringen können. Und nachdem sich all das, was in ihnen an Frucht langer Erfahrung steckt, als gültig erwiesen hat, wage ich zu sagen, daß ich durch diese Erfahrungen einige Probleme der Architektur so erhellt habe, daß jene, die nach mir kommen, an meinem Beispiel die Schärfe ihres eigenen Verstandes übend, die Herrlichkeit ihrer eigenen Bauten leicht zur wahren Schönheit und Anmut der antiken Gebäude führen können.

So bitte ich Euch also, mein verehrenswürdiger Herr, Ihr möget Euch als so tugendhaft erweisen, als Belohnung für die Zuneigung, die ich für Euch hege, diese Gabe anzunehmen. Und ich bitte Euch weiterhin, diesen ersten Teil meines Werkes freudig und wohlwollend entgegenzunehmen, das bereits in edler Absicht unter Eurer glückbringenden Gunst begonnen wurde und das ich, als Frucht meines Könnens, Euch zueigne. Und ich hoffe, Ihr seid zufrieden, daß es jetzt, wo es unter der Gunst Eurer Großzügigkeit beendet werden konnte, mit glücklichen Vorzeichen das Licht der Welt erblickt und von dem Licht Eures Namens erhellt wird. Zudem bin ich gewiß, daß allein Euer Name, der durch die Erhabenheit Eures Verstandes, durch den Glanz und den Ruhm edelster Tugenden wahrhaft einzigartig und berühmt ist, meinen Büchern, die verdienterweise bereits die Euren geworden sind, Größe und Ansehen verleiht. So kann ich nur hoffen, lange in großem Ruhm zu leben und in der Erinnerung derer, die nach mir kommen, geehrt zu werden. Und mit dieser Hoffnung, um ein langes und glückliches Leben für Euch bittend, will ich enden.

In Venedig, den ersten November M. D. L X X.

Ihrer Herrlichkeit ergebenster Diener Andrea Palladio