Thomas Gädeke, in: Martin Gosebruch, Thomas Gädeke: Königslutter - Die Abtei Kaiser Lothars. Verlag Karl Robert Langewiesche Nachfolger / Hans Köster. Königstein im Taunus, 1989. S.10 ff.

 

Jagdfries 

Mit dem Jagdfries wird die an der Architektur beobachtete Steigerung von den Seiten zur Mitte fortgesetzt, da an der dreifach unterteilten Apsis je zwei figürlich gefüllte Bögen auf die seitlichen Abschnitte entfallen, während sich auf dem mittleren Drittel das Geschehen mit drei Darstellungen verdichtet. Auch die Konsolfiguren sind im mittleren Abschnitt massiver geworden, da alle vier Positionen mit mächtigen Köpfen besetzt sind. Dabei besteht durchaus ein Kontinuum der Reihenfolge, indem stets ein mit einer Blattrosette gefülltes Feld dazwischengeschaltet bleibt.

  

Außerhalb der Bogenfolge beginnt die Jagd mit den zwei Hornbläsern, die sich auf den Kapitellen der Eckpilaster vom Chorkörper abstoßen — geradewegs in das Geschehen hinein. Da gesellt sich zum lustigen Hörnerklang auch alsbald das Gebell der jagdfiebrigen, sehnigen Hunde, und dann gibt es die erste Beute dieser Hatz: auf der rechten Seite hat der Hund einen Hasen geschlagen, links ist ein Eber in die Knie gegangen und vom Hund gepackt worden. Der mittlere Abschnitt läßt links das edlere Tier, den Hirsch, heransprengen und führt rechts den Menschen ein, da der mit einer Keule bewehrte Jäger seine Hasenbeute heimträgt.

Hier hätte die Geschichte zu Ende sein können. Sie erfährt dann zur Überraschung im zentralen Feld die Fortsetzung, daß sich die Positionen verkehren. Die Hasen sind des hilflos daliegenden Jägers Herr geworden. Sie haben ihm die Beine gefesselt und zurren nun. Arme und Hände mit den Pfoten festhaltend, mit den Zähnen den Strick fest um die Handgelenke ihres Opfers. Damit ist zweifellos der geistreiche Ton der im Mittelalter beliebten Darstellung einer ,,verkehrten Welt" angeschlagen. Gleichzeitig hat das Bildwerk, das einen schlechthin zentralen Platz an dieser Kirche innehat, den ernsten symbolischen Hintergrund, daß der wie die Hasen Verfolgte, waffenlos Gejagte, schon Unterlegene, der den Tod leiden muß, ganz unerwartet und wunderbarerweise zu triumphalem Sieg gelangt. So war es das Hauptmotiv der christlichen Lehre, und so war es als unmittelbar verständliche Aussage an dieser Abteikirche dem Gläubigen in den Sinn zu rufen.

Die Figuren des Jagdfrieses bewegen sich in ihren Halbkreisräumen mit einer Geschmeidigkeit, die für das Werk des Nikolaus bezeichnend ist. Der Bogen ist jeweils die Grundform, an der sich die Erfindung orientiert. Gleichzeitig wird auch der Reichtum der Reliefstufen im Verhältnis zum Profil des Bogens deutlich gemacht. So beschreibt der Hasenträger einen Halbkreis und sucht zugleich die Berührung der verschiedenen Reliefschichten der Rahmung, indem er die Keule an das im S-Schwung geführte Karniesprofil legt und sich mit Stecken und Schulter in die Kehle hineinstemmt. Der Kopf stößt darüber hinaus und sitzt noch vor der vordersten Ebene des Profils, während der Hase mit seinen Löffeln den unteren Wulst berührt. Weiter ist an der Reliefgestaltung zu rühmen, daß durch vielfache Hinterschneidung die Figuren vollplastisch herausgearbeitet sind.

Mit „Relief“ ist die hervorstechende Leistung zu benennen, in der die Abteikirche durchgestaltet worden ist. Dies ist an der Architektur wie an der Skulptur deutlich gemacht worden, womit erkennbar ist, daß ihr Urheber ein Baumeister-Bildhauer war. Möglich wurde das Relief der Stufungen und Übergänge erst durch die feine Oberfläche dieses Quaderbaus, dessen gewaltige Blöcke aus Elmkalkstein je nach Maß gehauen und fast fugenlos versetzt wurden, so daß ein glatter Wandspiegel gebildet werden konnte. Am Verband der Steine ist auffällig, daß er nicht horizontal regelmäßig geführt ist und daß die Quader mitunter durch herausgearbeitete Winkel fest ineinander verklinkt werden. Überdies mußten die Rundungen der Apsidenkörper dabei jeweils in den Stein mit eingearbeitet werden.

Somit wird verständlich, daß der Künstler in einer Inschrift das ,,mannigfache Relief" seines Werkes besonders hervorhebt. Sie ist im rechten Drittel der Apsis, wie aus dem Hörn des Jägers hervorgehend und die Jagd begleitend, in Spiegelschrift eingegraben:

+ HOC OPUS EXIMIUM VARIO CELAMINE MIRUM + SC

Zu deutsch: Dieses hervorragende Werk durch mannigfaches Relief wunderbar meißelte . . . Das Abbrechen dieser Künstlerinschrift vor der Nennung des Namens hat zu vielen Spekulationen und Legenden herausgefordert.

In seiner neuen, gründlichen Untersuchung, deren vielfältige Thesen hier nur verkürzt wiedergegeben werden können, stellt Thomas Weigel zur Diskussion, daß es sich bei der vermeintlich unvollständigen Inschrift um ein bewußt angelegtes Rätsel handelt, dessen Auflösung darin liegt, daß die Figur des Hasenträgers, die bei weitem die größte des Frieses ist und am weitesten über ihren Rahmen hinaus in die Höhe reicht, an der leergelassenen Stelle für den verschwiegenen Namen eintritt. Weigel erkennt den Namen des Nikolaus im Hasenträger verschlüsselt, denn Nikolaus kann sehr wohl seinen Namen als ,,Hasenbesieger" übersetzt haben. Da die Inschrift, die im Rhythmus der Silben gemäß dem leoninischen Versmaß geordnet ist, sehr genau der ersten Einheit von fünf Bögen des Frieses zugepaßt ist, ist der Anhalt gewonnen, daß sie kaum mit einem Namen auf dem mittleren Feld hätte fortgesetzt werden sollen, wo ihr Ende unbestimmt verschwommen wäre. Hinweise auf das der Inschrift innewohnende Rätsel gewinnt Weigel aus der Kryptisches andeutenden Spiegelbildlichkeit und der dem Wort celamen eigenen Doppeldeutigkeit, das auch Verbergung oder Verschwiegenheit bedeuten kann. Deshalb kann man den Text auch so verstehen: Dieses hervorragende Werk, durch mannigfaches Verbergen wunderlich, meißelte - Nikolaus.

Weigel kann seine Deutung durch Vergleiche mit dem italienischen Nikolauswerk erhärten, wo er die Freude des Künstlers an Doppeldeutigkeiten in Inschriften in Verbindung mit seinem Namen (Ferrara, Dom) belegen kann und immer wieder gefunden hat, wie die Darstellung des „Hasenbesiegers" mit Signaturen geistreich zusammengebracht wurde. Der Verfasser hat den Hasenträger am Davidskapitell des Domes von Piacenza entdecken können. Auch an dem zweiten frühen Werk des Nikolaus, der Abteikirche Sagra die San Michele bei Turin, kommt er an dem marmornen Türpfosten des Zodiakportals als Centaurus vor.

Spinnt man Weigels Gedanken weiter, so ist seine Auslegung des geheimen Sinns durchaus nicht mit der von uns gegebenen christlichen Deutung der Jagdfrieserzählung, die mehr prima vista zu erkennen ist, im Widerspruch zu sehen: Es steht dem sich stolz preisenden und als Sieger darstellenden mittelalterlichen Künstler wohl an, sich auf dem entscheidenden Bildfeld dem Willen der höchsten Macht in Demut zu unterwerfen.